KEENK - BIOGRAPHY

Transmission Sommer/06 keen K Interview:
Von elektronischer Musik habe ich ja relativ wenig Ahnung, irgendwie hab ich immer mehr mit der Gitarre geliebäugelt. Vielleicht liegt das an den schlechten Erfahrungen mit Kirmes-Techno und später mit „Dark-Electro“, wer weiß das schon. Andererseits bin ich u.a. als kleiner Stift mit DEPECHE MODE sozialisiert worden... Mit den Jahren alterte ich dann ein wenig vor mich hin und mittlerweile versuche ich mich gelegentlich als relativ aufgeschlossen zu outen. In diesem Magazin ist bislang sowieso viel zu wenig dem Synthesizer gehuldigt worden, also los: Hier ist Mr. KEEN K!
Anfang letzten Jahres machte ich bei einem Besuch in der Spree-Metropole auch einen Abstecher zu „Das Drehmoment“, einem kleinen aber feinen Laden im tiefsten Prenzlauer Berg. Dort gibt es allerhand Platten die, soweit ich das überblicken konnte, im Großen und Ganzen im Bereich analog-elektronische Unterhaltungsmusik anzusiedeln sind. An Ort und Stelle ließ ich mich zum Kauf zweier LP-Sampler hinreißen, welche vom Hause itself zusammengestellt worden. Darauf fand ich neben einigen anderen 80´s-Retro-Dance-Perlen auch ein Stück von KEEN K & DORIAN E. Dieses war so schick, dass ich bei einer nächsten Visite gleich die 10“ des Projektes „Ryker´s Island“ mitnehmen musste. Darauf befanden sich vier sehr cool, beschwingte Dance-Tracks, die bei mir mit schillernd, warmen Synthie-Sounds und der bezaubernden Stimme von Sängerin Dorian E. einen schweren Eindruck hinterließen. Neben besagtem Projekt ist Herr KEEN K auch u.a. noch unter den Namen DIVIDER und TRANS-ACTIVE NIGHTZONE unterwegs. Doch lest selbst:
TRANSMISSION: Bitte erzähl erstmal wie du dazu gekommen bist elektronische musik zu machen und was dann so passiert ist.
KEEN K: Angefangen hat alles in den 70ern mit einer 7-jährigen Klavier-Ausbildung. Gerade diese Epoche war stark durch Disco und glamourösen Rock geprägt. Als ich aber als junger Mensch zum ersten Mal im Radio „Das Model“ und „Wir sind die Roboter“ von KRAFTWERK hörte, merkte ich, dass es neben dem Klavier wohl noch andere Instrumente geben musste, welche für mich viel interessanter klangen: Synthesizer! 1981 lernte ich dann Kinky Roland in der Schule kennen. Beide fingen wir an vom Taschengeld die ersten Platten zu kaufen: Frühe DEPECHE MODE, KLAUS SCHULZE, YMO, LOGIC SYSTEM, CHRIS & COSEY, HUMAN LEAGUE... Da war klar, dass wir sowas gerne selbst spielen wollten. Durch den glücklichen Zufall an unserer damaligen Schule, einen von Synthesizern begeisterten Lehrer zu haben, hatten wir in dem zu diesem Zeitpunkt populären NDW-Trend die Möglichkeit, mit Geräten wie der Korg MS-Serie, einem Roland Vocoder und dem Sequential Circuits Pro-One eigene Tracks mit obskuren deutschen Texten aufzunehmen. Der Lehrer stellte uns doch tatsächlich das komplette Equipment zur Verfügung und ließ uns nachmittags stundenlang damit rumspielen. Im Laufe der Jahre kamen eigene Instrumente dazu und 1988 entstand dann die erste Platte auf einem Sublabel der EMI. Diese Maxi war noch sehr geprägt von der damaligen Detroit-Housemusic. In diesem Jahr lernte ich auch P. Münch kennen und wir arbeiteten seit dieser Zeit immer wieder mal zusammen. Mitte der 90er dann einen Ausflug in das TripHop Genre, erste Aufnahmen mit Dorian E. sind damals entstanden. Zu meinem Glück verschwand zu der Zeit auch langsam die Dominanz der Technowelle (welche ich nie so mochte), andere Stilistiken wurden wieder entdeckt, so auch der klassische Elektro, und damit auch meine Zusammenarbeit mit Redagain P. und mehreren Releases auf diversen Electrolabeln.
T: Auf deiner Website sind ja eine ganze reihe Projekte aufgelistet. Was gibt es über die zu berichten und wie ist die Zusammenarbeit mit den vielen anderen MusikerInnen zustande gekommen?
K: Ich bin nie einem Stil treu geblieben, zu viele Einflüsse haben mich geprägt. Von Gitarren-Wave, 70er Jahre Cosmic-Disco, Minimal-Wave, Italo-Disco bis hin zu EBM höre ich wirklich alles durcheinander. So sind im Laufe der Zeit viele unterschiedliche Zusammenarbeiten entstanden, von denen es einige auch geschafft haben, bis heute weiter zu existieren. Die Arbeit mit P. Münch begann ja bereits 1988. Wir hatten viele kleine Projekte. Das wohl bekannteste ist das Minimal-Wave-Projekt THE RORSCHACH GARDEN, Ende der 80er von ihm ins Leben gerufen, in den 90ern mit mir zusammen, und heute besteht es aus ihm, seiner Frau Babsi und Natascha. Dorian E. lernte ich über eine Zeitungsannonce kennen, ich suchte 1995 eine Sängerin für mein TripHop-Projekt SNAIL PACE. Allerdings ist von diesem Einfluss heute nichts mehr zu hören, der Stil änderte sich in Minimal-Pop. Ihre wirklich sehr an SIOUXSXIE AND THE BANSHEES erinnernde Stimme ist ein interessanter Gegensatz zu den melodisch-theatralen Synths, zumal ihr Ursprung in rockenden Gitarrenbands liegt.
Als Ende der 90er durch I-F die Electro-Disco-Italo Musik der frühen 80er wieder populär wurde, sind die Projekte DIVIDER und REPLICANT entstanden, in welchen u.a. Glenn Gregory ( HEAVEN 17 ) und MARC ALMOND als Sänger zu hören sind.
Als Musiker habe ich mal mit DTK zusammen ein Konzert von ECHO WEST/SILENT SIGNALS gespielt. Daraus ist dann TRANS-ACTIVE NIGHTZONE hervorgegangen, eine Mischung aus Minimal-Wave und Gitarren-Wave der frühen 80er.
T: Also im Moment gibt es ja ein relativ starkes Interesse an Minimal Electronic. Es gibt Parties, Festivals und Labels die Platten bzw. Tapes aus den 80ern hervorgraben. Es gibt eine ganze Reihe Bands die den Sound der 80er ziemlich straight nachspielen und da gibt es aber auch Einflüsse aus dem Minimal Bereich in andere elektronische Sparten. Wie siehst du diese Entwicklung? Gibt es da eine Vernetzung bzw. Community oder so was? „Das Drehmoment“ scheint da ja ein wichtiger Laden bzw. wichtiges Label zu sein.
K: Ja, es scheint seit einigen Jahren wirklich ein Revival der frühen Minimal Electronic zu geben. Gerade späte 70er und frühe 80er Gruppen sind gesuchte Raritäten geworden. Die kürzlich re-releaste LP von CERAMIC HELLO ist nur ein Beispiel von vielen. Durch das Internet sind die Fans und Sammler solcher Musik in der glücklichen Lage an alle Raritäten rund um den Globus zu kommen. Dadurch entsteht auch eine große Community unter den Musikern – gerade auf MySpace und anderen Foren wie Cybernetic Broadcasting System oder Global Darkness herrscht reger Austausch - Musiker wie Label finden sich gegenseitig über diese Wege. Das Drehmoment nutzt die weltweiten Kontakte und wird darüber auch auf so manchen Künstler aufmerksam und hört viel Interessantes, was sonst leider unentdeckt bliebe. Entscheidend tragen dazu auch die vielen Internet-Radios bei, welche sich erfolgreich gegen den üblichen Kommerz in den über Antenne ausgestrahlten Radioprogrammen abheben.
T: So jetzt kommt die Frage zum Equipment: Was für Geräte benutzt du? In wie weit greifst du da auf Originale aus den 80ern bzw. moderne Gerätschaften zurück? Dein Sound, soweit ich ihn von DIVIDER oder dem Projekt mit Dorian E. kenne, klingt ja schon recht retro. Inwiefern ist die Produktion heute anders als zu der Zeit in der du angefangen hast?
K: Ich mag den Sound alter Synths. Während die Drumsounds vorwiegend Samples sind, verwende ich viele Analog-Synths, u.a. die Korg MS-Serie, ARP Odyssey, Minimoog, Korg Monopoly, Roland Jupiter 4, Oberheim Matrix, sowie Modularsysteme und ältere Effektgeräte. Aber auch ältere Digitalsynths wie die Casio CZ-Serie oder der Yamaha DX 100 klingen interessant. An modernem Equipment wäre da u.a. der Kurzweil K2000, DS Evolver oder der Roland JP8080 zu nennen. Während ich Anfang der 80er vieles per Hand und über Analogsequencer steuern musste, ist heute die Software Steinberg Cubase die Zentrale, welche über CV/Gate Interfaces und Midi alles steuert. Es ist heutzutage bequem, über Laptop unterwegs einige Ideen zu entwickeln und diese später im Studio umzusetzen. Auch für´s Livespielen sehr von Vorteil, keine großen Synthesizerburgen mehr mit auf die Bühne zu nehmen. Ein Laptop, 2 Synths + Effektgeräte und einen kleinen Submixer – fertig! Das war damals überhaupt nicht möglich.
T: So weit ich die Lage beurteilen kann, scheint es mir so, dass in den frühen 80ern im Minimal bzw. Underground-Wave eine sehr starke "do it yourself" Haltung verbreitet war. Ich denke da jetzt z.b. an manche Flexipop-Sachen oder die "Genialen Dilettanten". Theoretisch müsste es ja heute viel einfacher sein elektronische Musik zu machen z.b. mit dem Laptop. Andererseits stelle ich mir einen analogen Synthie aus den 80ern in der Bedienung einfacher vor als irgendwelche Recording-Software oder Synthesizer-Module. Wie siehst du das?
K: Nun, der Sound früher Minimal-Gruppen war gerade durch die limitierten Möglichkeiten eben der, den man hört. Synthesizer, Sequencer und Bandmaschinen waren teuer, oftmals sogar unerschwinglich. So musste man mit 2 oder 3 Geräten und einem Drumcomputer auf einem 4-Spurrecorder seinen Track realisieren. Edle Hallgeräte waren teuer und ein einfaches Tapedelay musste herhalten. Man kann sagen, dass einerseits die Bands oder Solomusiker nicht besser klingen konnten, andererseits beeinflusste die 80er Endzeit-Stimmung mit damals so beliebten Schlagwörtern wie Kalter Krieg, Beton, Neon, Wettrüsten, Atomkraft, etc... die Musiker – es musste nach den glamourösen 70ern, der Periode mit Schlaghosen, Disco und endlosen zweistimmigen Gitarrensoli in pompösen Glitterrock-Opern etwas Neues passieren. Ende der 70er waren wohl Punkrock, KRAFTWERK und HUMAN LEAGUES „Being Boiled“ wegweisend für das, was damals folgte. Minimale Synth-Arrangements, Experimente mit Tape-Loops, Industrial und New Wave – das war wirklich neu, und wurde von vielen aufgegriffen und auch erste Sampling-Keyboards wie dem Fairlight und dem Synclavier boten plötzlich völlig neue Möglichkeiten, welche mit einem Mellotron aus früherer Zeit nicht zu realisieren waren.
Heutzutage ist das Musikmachen dank Laptop und Cubase, Logic und Co. mit vielen PlugIns für Effekte und Synths sicherlich viel einfacher. Aber wer als Elektronikmusiker schon mal an echter analoger Hardware gearbeitet hat, wird es lieben, sofort intuitiv in den Sound einzugreifen, auch gerade der Klang ist wesentlich direkter und druckvoller als jede Emulation am Computer. Sicherlich ist es mit dem Computer billiger, aber die alten Geräte besitzen ein Eigenleben im Klang und gerade die minimalen Ungenauigkeiten gestalten den Klang lebendig. Es ist durch viele moderne digitale Produktionsweisen tatsächlich schwierig geworden richtig „alt“ zu klingen. Auf eine Bandmaschine kann man, denke ich, verzichten. Gute Sequencersoftware ist hier heute viel flexibler. Puristen mögen das anders sehen. Und auch manch neues PlugIn bietet heute Möglichkeiten, welche mit Hardware nicht zu erreichen ist.
Da muss man schon beide Welten, die analoge und die rechnerbasierende miteinander verbinden und so das Beste aus beiden nutzen.
T: O.k. jetzt noch die Frage nach deinen aktuellen Musik-Tipps und deinen Alltime-Favoriten.
K: Alltime Favoriten : CLAN OF XYMOX, FRONT 242 („Geography“), TELEX, COCTEAU TWINS, INDOCHINE
Aktueller Musiktip: ARPANET – „Reference Frame“ LP, THE HACKER – „A.N.D.N.O.W.“ CD, ALDEN TYRELL – „Times like This“ 2LP
T: Und die Frage nach deinen nächsten Plänen.
K: Momentan arbeite ich mit Kinky Roland an Remixen für Clone-Records. Eine neue EP mit Dorian E. ist in Vorbereitung und für DIVIDER gibt es eine Zusammenarbeit mit Kinky, an der u.a. Marc Almond am Gesang mitwirken wird. Im Oktober stehen dann auch neue Gesangsaufnahmen mit DTK für TRANS-ACTIVE NIGHTZONE an. Einen weiteren Release von T-A.N. wird es voraussichtlich im Herbst diesen Jahres geben.
T: Vielen Dank für das Interview!
Franz Vojtech, Sommer 2006. www.transmission-magazin.net
Von elektronischer Musik habe ich ja relativ wenig Ahnung, irgendwie hab ich immer mehr mit der Gitarre geliebäugelt. Vielleicht liegt das an den schlechten Erfahrungen mit Kirmes-Techno und später mit „Dark-Electro“, wer weiß das schon. Andererseits bin ich u.a. als kleiner Stift mit DEPECHE MODE sozialisiert worden... Mit den Jahren alterte ich dann ein wenig vor mich hin und mittlerweile versuche ich mich gelegentlich als relativ aufgeschlossen zu outen. In diesem Magazin ist bislang sowieso viel zu wenig dem Synthesizer gehuldigt worden, also los: Hier ist Mr. KEEN K!
Anfang letzten Jahres machte ich bei einem Besuch in der Spree-Metropole auch einen Abstecher zu „Das Drehmoment“, einem kleinen aber feinen Laden im tiefsten Prenzlauer Berg. Dort gibt es allerhand Platten die, soweit ich das überblicken konnte, im Großen und Ganzen im Bereich analog-elektronische Unterhaltungsmusik anzusiedeln sind. An Ort und Stelle ließ ich mich zum Kauf zweier LP-Sampler hinreißen, welche vom Hause itself zusammengestellt worden. Darauf fand ich neben einigen anderen 80´s-Retro-Dance-Perlen auch ein Stück von KEEN K & DORIAN E. Dieses war so schick, dass ich bei einer nächsten Visite gleich die 10“ des Projektes „Ryker´s Island“ mitnehmen musste. Darauf befanden sich vier sehr cool, beschwingte Dance-Tracks, die bei mir mit schillernd, warmen Synthie-Sounds und der bezaubernden Stimme von Sängerin Dorian E. einen schweren Eindruck hinterließen. Neben besagtem Projekt ist Herr KEEN K auch u.a. noch unter den Namen DIVIDER und TRANS-ACTIVE NIGHTZONE unterwegs. Doch lest selbst:
TRANSMISSION: Bitte erzähl erstmal wie du dazu gekommen bist elektronische musik zu machen und was dann so passiert ist.
KEEN K: Angefangen hat alles in den 70ern mit einer 7-jährigen Klavier-Ausbildung. Gerade diese Epoche war stark durch Disco und glamourösen Rock geprägt. Als ich aber als junger Mensch zum ersten Mal im Radio „Das Model“ und „Wir sind die Roboter“ von KRAFTWERK hörte, merkte ich, dass es neben dem Klavier wohl noch andere Instrumente geben musste, welche für mich viel interessanter klangen: Synthesizer! 1981 lernte ich dann Kinky Roland in der Schule kennen. Beide fingen wir an vom Taschengeld die ersten Platten zu kaufen: Frühe DEPECHE MODE, KLAUS SCHULZE, YMO, LOGIC SYSTEM, CHRIS & COSEY, HUMAN LEAGUE... Da war klar, dass wir sowas gerne selbst spielen wollten. Durch den glücklichen Zufall an unserer damaligen Schule, einen von Synthesizern begeisterten Lehrer zu haben, hatten wir in dem zu diesem Zeitpunkt populären NDW-Trend die Möglichkeit, mit Geräten wie der Korg MS-Serie, einem Roland Vocoder und dem Sequential Circuits Pro-One eigene Tracks mit obskuren deutschen Texten aufzunehmen. Der Lehrer stellte uns doch tatsächlich das komplette Equipment zur Verfügung und ließ uns nachmittags stundenlang damit rumspielen. Im Laufe der Jahre kamen eigene Instrumente dazu und 1988 entstand dann die erste Platte auf einem Sublabel der EMI. Diese Maxi war noch sehr geprägt von der damaligen Detroit-Housemusic. In diesem Jahr lernte ich auch P. Münch kennen und wir arbeiteten seit dieser Zeit immer wieder mal zusammen. Mitte der 90er dann einen Ausflug in das TripHop Genre, erste Aufnahmen mit Dorian E. sind damals entstanden. Zu meinem Glück verschwand zu der Zeit auch langsam die Dominanz der Technowelle (welche ich nie so mochte), andere Stilistiken wurden wieder entdeckt, so auch der klassische Elektro, und damit auch meine Zusammenarbeit mit Redagain P. und mehreren Releases auf diversen Electrolabeln.
T: Auf deiner Website sind ja eine ganze reihe Projekte aufgelistet. Was gibt es über die zu berichten und wie ist die Zusammenarbeit mit den vielen anderen MusikerInnen zustande gekommen?
K: Ich bin nie einem Stil treu geblieben, zu viele Einflüsse haben mich geprägt. Von Gitarren-Wave, 70er Jahre Cosmic-Disco, Minimal-Wave, Italo-Disco bis hin zu EBM höre ich wirklich alles durcheinander. So sind im Laufe der Zeit viele unterschiedliche Zusammenarbeiten entstanden, von denen es einige auch geschafft haben, bis heute weiter zu existieren. Die Arbeit mit P. Münch begann ja bereits 1988. Wir hatten viele kleine Projekte. Das wohl bekannteste ist das Minimal-Wave-Projekt THE RORSCHACH GARDEN, Ende der 80er von ihm ins Leben gerufen, in den 90ern mit mir zusammen, und heute besteht es aus ihm, seiner Frau Babsi und Natascha. Dorian E. lernte ich über eine Zeitungsannonce kennen, ich suchte 1995 eine Sängerin für mein TripHop-Projekt SNAIL PACE. Allerdings ist von diesem Einfluss heute nichts mehr zu hören, der Stil änderte sich in Minimal-Pop. Ihre wirklich sehr an SIOUXSXIE AND THE BANSHEES erinnernde Stimme ist ein interessanter Gegensatz zu den melodisch-theatralen Synths, zumal ihr Ursprung in rockenden Gitarrenbands liegt.
Als Ende der 90er durch I-F die Electro-Disco-Italo Musik der frühen 80er wieder populär wurde, sind die Projekte DIVIDER und REPLICANT entstanden, in welchen u.a. Glenn Gregory ( HEAVEN 17 ) und MARC ALMOND als Sänger zu hören sind.
Als Musiker habe ich mal mit DTK zusammen ein Konzert von ECHO WEST/SILENT SIGNALS gespielt. Daraus ist dann TRANS-ACTIVE NIGHTZONE hervorgegangen, eine Mischung aus Minimal-Wave und Gitarren-Wave der frühen 80er.
T: Also im Moment gibt es ja ein relativ starkes Interesse an Minimal Electronic. Es gibt Parties, Festivals und Labels die Platten bzw. Tapes aus den 80ern hervorgraben. Es gibt eine ganze Reihe Bands die den Sound der 80er ziemlich straight nachspielen und da gibt es aber auch Einflüsse aus dem Minimal Bereich in andere elektronische Sparten. Wie siehst du diese Entwicklung? Gibt es da eine Vernetzung bzw. Community oder so was? „Das Drehmoment“ scheint da ja ein wichtiger Laden bzw. wichtiges Label zu sein.
K: Ja, es scheint seit einigen Jahren wirklich ein Revival der frühen Minimal Electronic zu geben. Gerade späte 70er und frühe 80er Gruppen sind gesuchte Raritäten geworden. Die kürzlich re-releaste LP von CERAMIC HELLO ist nur ein Beispiel von vielen. Durch das Internet sind die Fans und Sammler solcher Musik in der glücklichen Lage an alle Raritäten rund um den Globus zu kommen. Dadurch entsteht auch eine große Community unter den Musikern – gerade auf MySpace und anderen Foren wie Cybernetic Broadcasting System oder Global Darkness herrscht reger Austausch - Musiker wie Label finden sich gegenseitig über diese Wege. Das Drehmoment nutzt die weltweiten Kontakte und wird darüber auch auf so manchen Künstler aufmerksam und hört viel Interessantes, was sonst leider unentdeckt bliebe. Entscheidend tragen dazu auch die vielen Internet-Radios bei, welche sich erfolgreich gegen den üblichen Kommerz in den über Antenne ausgestrahlten Radioprogrammen abheben.
T: So jetzt kommt die Frage zum Equipment: Was für Geräte benutzt du? In wie weit greifst du da auf Originale aus den 80ern bzw. moderne Gerätschaften zurück? Dein Sound, soweit ich ihn von DIVIDER oder dem Projekt mit Dorian E. kenne, klingt ja schon recht retro. Inwiefern ist die Produktion heute anders als zu der Zeit in der du angefangen hast?
K: Ich mag den Sound alter Synths. Während die Drumsounds vorwiegend Samples sind, verwende ich viele Analog-Synths, u.a. die Korg MS-Serie, ARP Odyssey, Minimoog, Korg Monopoly, Roland Jupiter 4, Oberheim Matrix, sowie Modularsysteme und ältere Effektgeräte. Aber auch ältere Digitalsynths wie die Casio CZ-Serie oder der Yamaha DX 100 klingen interessant. An modernem Equipment wäre da u.a. der Kurzweil K2000, DS Evolver oder der Roland JP8080 zu nennen. Während ich Anfang der 80er vieles per Hand und über Analogsequencer steuern musste, ist heute die Software Steinberg Cubase die Zentrale, welche über CV/Gate Interfaces und Midi alles steuert. Es ist heutzutage bequem, über Laptop unterwegs einige Ideen zu entwickeln und diese später im Studio umzusetzen. Auch für´s Livespielen sehr von Vorteil, keine großen Synthesizerburgen mehr mit auf die Bühne zu nehmen. Ein Laptop, 2 Synths + Effektgeräte und einen kleinen Submixer – fertig! Das war damals überhaupt nicht möglich.
T: So weit ich die Lage beurteilen kann, scheint es mir so, dass in den frühen 80ern im Minimal bzw. Underground-Wave eine sehr starke "do it yourself" Haltung verbreitet war. Ich denke da jetzt z.b. an manche Flexipop-Sachen oder die "Genialen Dilettanten". Theoretisch müsste es ja heute viel einfacher sein elektronische Musik zu machen z.b. mit dem Laptop. Andererseits stelle ich mir einen analogen Synthie aus den 80ern in der Bedienung einfacher vor als irgendwelche Recording-Software oder Synthesizer-Module. Wie siehst du das?
K: Nun, der Sound früher Minimal-Gruppen war gerade durch die limitierten Möglichkeiten eben der, den man hört. Synthesizer, Sequencer und Bandmaschinen waren teuer, oftmals sogar unerschwinglich. So musste man mit 2 oder 3 Geräten und einem Drumcomputer auf einem 4-Spurrecorder seinen Track realisieren. Edle Hallgeräte waren teuer und ein einfaches Tapedelay musste herhalten. Man kann sagen, dass einerseits die Bands oder Solomusiker nicht besser klingen konnten, andererseits beeinflusste die 80er Endzeit-Stimmung mit damals so beliebten Schlagwörtern wie Kalter Krieg, Beton, Neon, Wettrüsten, Atomkraft, etc... die Musiker – es musste nach den glamourösen 70ern, der Periode mit Schlaghosen, Disco und endlosen zweistimmigen Gitarrensoli in pompösen Glitterrock-Opern etwas Neues passieren. Ende der 70er waren wohl Punkrock, KRAFTWERK und HUMAN LEAGUES „Being Boiled“ wegweisend für das, was damals folgte. Minimale Synth-Arrangements, Experimente mit Tape-Loops, Industrial und New Wave – das war wirklich neu, und wurde von vielen aufgegriffen und auch erste Sampling-Keyboards wie dem Fairlight und dem Synclavier boten plötzlich völlig neue Möglichkeiten, welche mit einem Mellotron aus früherer Zeit nicht zu realisieren waren.
Heutzutage ist das Musikmachen dank Laptop und Cubase, Logic und Co. mit vielen PlugIns für Effekte und Synths sicherlich viel einfacher. Aber wer als Elektronikmusiker schon mal an echter analoger Hardware gearbeitet hat, wird es lieben, sofort intuitiv in den Sound einzugreifen, auch gerade der Klang ist wesentlich direkter und druckvoller als jede Emulation am Computer. Sicherlich ist es mit dem Computer billiger, aber die alten Geräte besitzen ein Eigenleben im Klang und gerade die minimalen Ungenauigkeiten gestalten den Klang lebendig. Es ist durch viele moderne digitale Produktionsweisen tatsächlich schwierig geworden richtig „alt“ zu klingen. Auf eine Bandmaschine kann man, denke ich, verzichten. Gute Sequencersoftware ist hier heute viel flexibler. Puristen mögen das anders sehen. Und auch manch neues PlugIn bietet heute Möglichkeiten, welche mit Hardware nicht zu erreichen ist.
Da muss man schon beide Welten, die analoge und die rechnerbasierende miteinander verbinden und so das Beste aus beiden nutzen.
T: O.k. jetzt noch die Frage nach deinen aktuellen Musik-Tipps und deinen Alltime-Favoriten.
K: Alltime Favoriten : CLAN OF XYMOX, FRONT 242 („Geography“), TELEX, COCTEAU TWINS, INDOCHINE
Aktueller Musiktip: ARPANET – „Reference Frame“ LP, THE HACKER – „A.N.D.N.O.W.“ CD, ALDEN TYRELL – „Times like This“ 2LP
T: Und die Frage nach deinen nächsten Plänen.
K: Momentan arbeite ich mit Kinky Roland an Remixen für Clone-Records. Eine neue EP mit Dorian E. ist in Vorbereitung und für DIVIDER gibt es eine Zusammenarbeit mit Kinky, an der u.a. Marc Almond am Gesang mitwirken wird. Im Oktober stehen dann auch neue Gesangsaufnahmen mit DTK für TRANS-ACTIVE NIGHTZONE an. Einen weiteren Release von T-A.N. wird es voraussichtlich im Herbst diesen Jahres geben.
T: Vielen Dank für das Interview!
Franz Vojtech, Sommer 2006. www.transmission-magazin.net


Back